Donnerstag, 2. Februar 2017

Rosinen picken - Bootsvergleich auf der Boot 2017 in Düsseldorf





Moin meine Freunde,

in meinem letzten Artikel über den Presserundgang hinter den Kulissen der BOOT Düsseldorf hatte ich ja schon erwähnt, dass beim Schlendern durch die Hallen mit den Segelyachten auffiel, dass 90% der Exponate auch schon im Vorjahr am Start waren. Daher nahmen wir uns für die Messetage Samstag und Sonntag vor, uns nur die Rosinen rauszupicken, für die wir uns auch interessierten.

Nach über vierzig Altbier am Vorabend mit Julian von booteblog.net, Markus von UNTER SEGELN und Bettina von derTaucherblog (die nicht mitgetrunken hat) ließen es Christian und ich am Samstagmorgen erst mal low angehen. Nach dem späten Frühstück im Hotel und einiger Verraffung in der Tiefgarage (eine andere Geschichte), schafften wir es mit etwa 15 Minuten Vorlauf noch pünktlich zu unserem ersten Tagesordnungspunkt auf der Messe, nämlich dem Vortrag über das Segeln im Ionischen Meer von Markus Silbergasser (UNTER SEGELN) um 12:30 Uhr. Er hatte mich im Vorfeld gebeten während des Vortrags ein paar Bilder für ihn zu schießen und diesen Gefallen tat ich ihm gerne. An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, dass das Vortragsprogramm der BOOT (meist aber auch der anderen einschlägigen Messen) durchaus interessant und vielseitig ist. Dummerweise ist das aber immer so eine Sache, wenn man nur einen relativ kurzen Aufenthalt auf der Messe hat... Kuckt man sich nun Boote an oder lauscht man den Vorträgen? Markus´ Vortrag war auf jeden Fall interessant und mit einer Dauer von 15 Minuten auch locker ins Tagesprogramm einzubasteln. Er kennt das Ionische Meer wie seine Westentasche und wer Tipps für die Törnplanung braucht, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

Nach dem Vortrag, etwas überbrückter Zeit und einem Gesprächstermin bezüglich möglicher Kooperationen ging es für Christian und mich aber ans Eingemachte. Wir hatten noch ein loses Date bei Hanse offen und wollten uns eh dort zwei Perlen anschauen, auf die wir ein Auge geworfen hatten, nämlich die Hanse 588 und die 675. Also volle Fahrt voraus zum Hanse-Stand.


HANSE 588:

Die 588 war, sehr zu unserer Freude, im Charter-Layout ausgestellt. Als Charter-Kunden interessieren wir uns in der Regel herzlich wenig für die verschwenderischen Eigner-Ausführungen, daher war die 588 im Charter-Layout für uns höchst interessant. Auf ihren 58 Fuß werden satte 10 Kojen in 5 Kajüten (davon eine Stockbett-Kajüte) geboten, diese sind alle bequem vom Salon aus zu erreichen. Was sofort ins Auge stach, war, dass trotz der zahlreichen Kojen/Kajüten pervers viel Platz unter Deck herrscht und auch das optische Design für unseren Geschmack sehr ansprechend ausfällt. Außerdem scheint sie sehr gut verarbeitet zu sein (das Messemodell ist natürlich besonders gepimpt, keine Frage) und großzügiger Umgang mit Luken und "Fenstern" gewährleisten viel Tageslicht im Salon. Was uns aber als größter Pluspunkt auffiel, war, dass trotz der üppigen Bewegungsfreiheit und des ansprechenden Interieurs mit Sachverstand Pragmatismus Einzug ins Yachtdesign gefunden hatte. Ein vernünftiger Kartentisch, robuste, über die ganze Länge des Salons montierte Haltestangen, ausreichend Kühlmöglichkeiten und vor allem unglaublich viel Stauraum für den Seglerkram in den Kajüten. Fächer und Schubladen en masse, und dabei alle so eingefügt, dass man sich nicht ständig die Birne anrennt, es gut zugänglich ist und auch noch schick aussieht! Ich brauche nicht zu erwähnen, dass, um das zu ermöglichen, nicht an der Größe der Kojen gespart wurde. Selbst in der Stockbettkajüte stimmt die Bemessung der Kojen und des Stauraums. Hanse, Hut ab, wir sind schwer begeistert davon, was ihr unter Deck im Design auf die Beine gestellt habt!





Hier eine der beiden Achterkajüten:


Hier eine Bugkajüte mit geöffneten Schapps und Schublade unter der Koje. Zusätzlich stehen noch ein Schrank und zwei weitere Schubladen zu Verfügung (im Bild links, ungeöffnet):


Bei genauerem Umsehen an Deck der 588 fällt auf, dass auch hier reichlich Bewegungsfreiheit zur Verfügung steht. Durch das breite Heck, nichts Neues im aktuellen Yachtbau, steht viel Platz in der Plicht und an den Steuerständen zur Verfügung. Sogar eine Garage für das Dinghy hat es ins Design geschafft, bei 58 Fuß keine Selbstverständlichkeit. Die Steuerstände sind nicht nur schick, sondern auch pragmatisch designt. Alle Instrumente und Gashebel sind gut erreichbar. Außerdem fiel uns beim Schlendern an Deck auf, dass am Bug tatsächlich noch eine "Skipper-Kajüte" untergebracht ist. Diese ist von Deck aus mit einer Leiter zugänglich, bietet quasi null Stauraum, eine vergleichsweise kleine Koje und ein bisschen verstecktes Waschbecken. Hier wird wohl in der Regel, wenn man selbst skippert, der Gennaker wohnen und/oder die Fender. Das Stauraumwunder von unter Deck setzt sich an der frischen Luft allerdings nur begrenzt fort. Der üppige Freiraum unter Deck wird ganz klar durch Sparen ausladender Backskisten erkauft. Kompromisse müssen eben doch gemacht werden. Natürlich gibt es die obligatorischen Backskisten unter den Duchten in der Plicht und diese werden auch für das Tagwerk an Deck ausreichen.





Ein weiteres interessantes Konzept an Deck ist das optionale Hardtop-Bimini. Solche Teile kennt man schon von Katamaranen, Hanse hat sich die Idee für ihre 588 (und auch die 675) zunutze gemacht und was dabei herausgekommen ist, hat uns überzeugt. Es wird ausreichend Schutz vor Sonne und Regen geboten, gleichzeitig aber auch viel Sicht ins Groß gewährt. Die Aussparung des Hardtops, die den Blick ins Segel ermöglicht, kann bei Bedarf auch mit einem kleinen Bimini geschlossen werden. Eine Spray-Hood ist, soweit ich weiß, ebenfalls verfügbar und kann mit dem Hardtop verbunden werden, so dass vor überkommenden Wellen oder Wind-Regen von vorn völliger Schutz für alle im Cockpit Sitzenden besteht.


Unterm Strich, salopp gesprochen zur 588: Ein geiles Teil, das wir nur zu gerne mal entführen möchten. Hanse scheint bei dem Kahn soweit alles richtig gemacht zu haben. Wie sich der Pott segelt, müsste man natürlich noch auf die Probe stellen, aber auch hier würde ich keine Blöße erwarten.


HANSE 675:

Von der 588 ging´s schnurstracks rüber zur 675. Beim kurzen Blick ins Cockpit und übers Schiff fällt auf, dass das Design mit der 588 sehr verwandt ist. Hanse fährt, wie andere Werften auch, ein durchgängiges Designkonzept. Beim Anblick des Steuerstandes schlackern uns die Ohren. Das Teil ähnelt einem komplexen Schaltpult. Inmitten der Instrumente, wie man sie kennt, thront ein Schaltpaneel. Unser Bekannter bei Hanse bemerkt unsere hochgezogenen Augenbrauen und erläutert uns das Stück Technik. Alles was es zum Segeln braucht, kann man auf der 675 mit diesen Knöpfchen vom Steuerstand aus bedienen, wirklich alles. Falls also jemand mit dem Gedanken spielt, mit der 675 Einhand an den Start zu gehen, komfortabler könnte man es kaum haben. Ansonsten decken sich die Eindrücke an Deck der 675 mit denen der 588. Eine Dinghy-Garage gibt's auf der 675 natürlich auch.




Auf größerem Fuß zu segeln bringt aber auch mehr Möglichkeiten für Spielereien mit sich. So gibt es im Cockpit einen Grill mit Spüle und eine Durchreiche in die Pantry (mit Leiter, den Grill gibt´s optional auch auf der 588). Der Plotter im Cockpit ist größer als anderer Leute Glotze im Wohnzimmer, aber dann erkennt man immerhin auch alles ohne Weiteres.




Auch das Konzept mit dem Hardtop-Bimini und der dazugehörigen Spray-Hood findet sich auch auf der 675:




Ebenso lässt man viel Licht in den Salon. Die ausladenden Decksluken verfahren vollständig elektrisch.



Unter Deck angekommen weht ein völlig anderer Wind als auf der 588, es herrscht Kontrastprogramm. Die 675 ist als Luxus-Segelyacht konzipiert und es existiert bis dato weder ein Charter-Layout noch ist eines in Planung. Allerdings sind 67 Fuß-Yachten ohnehin nicht wirklich im Chartergeschäft vertreten, daher wundern wir uns hierüber weniger. Was uns schon eher überrascht ist nicht, dass die Yacht ein komfortables Eigner-Layout mit sich bringt, wie man es zum Beispiel von anderen Schiffen her kennt, sondern dass es tatsächlich völlig von einander räumlich abgrenzbare Eigner- und Personalbereiche gibt. Die feinen Herrschaften können unter Deck tafeln und leben wie die Maden im Speck, während das Personal hinter verschlossenem Schott an der Pantry klemmt. Frei diesem Konzept folgend gestalten sich die Wohnbereiche für die Eigner räumlich ausschweifend, man könnte schon von pompös sprechen und die Personalbereiche entsprechend spartanisch. 



Bei dem Teil direkt rechts neben dem Niedergang handelt es sich um eine Cocktailbar und der darin eingelassene silberne Kasten ist kein Backofen, sondern ein Weinkühler. Das alles ist also nicht zu verwechseln mit der Pantry, diese befindet sich ein Schott weiter achtern. Hinter der Cocktailbar dürfte dann als guter Gastgeber durchaus auch mal der Eigner zu finden sein:




Hier, in der Personal-Kajüte, sieht´s doch etwas simpler gestrickt aus als im Schlafgemach der Herrschaften im Bild darüber oder?


Auch die Pantry versprüht ein eher bodenständigeres und zweckmäßiges Esprit! Hier ist Personalzone:



So sehr die Hanse 675 der 588 an Deck ähnelt, so könnte sie unter Deck nicht verschiedener sein. Die Zielgruppe ist eine völlig andere, was sich in der Gestaltung des Interieurs wie oben beschrieben deutlich zeigt.

Die Erfahrung, diese beiden doch sehr unterschiedlichen Schiffe am Hanse-Stand im unmittelbaren Kontrast zu erleben, war sehr interessant. Nun wollten wir mal dazu im Verhältnis eine Yacht aus anderem Hause aber vergleichbarer Größenordnung unter die Lupe nehmen. Angenehmerweise war in direkter Nachbarschaft zu Hanse Jeanneau mit ihrer aktuellen 64er, auf die wir jetzt direkt zu hielten.


Jeanneau 64

Der erste Eindruck beim an Bord gehen war sehr positiv. Die Gestaltung des Cockpits und der Steuerstände ähnelt den beiden Hansen sehr. Die Steuerräder sind auf der Jeanneau stylischer. ;) Kaum unter Deck angekommen sind wir sehr überrascht. Obwohl dieses Schiff nur schlappe drei Fuß kürzer ist als die geradezu verschwenderische Hanse 675 und sechs Fuß länger als die 588 geht es da unten erstaunlich eng zu. Das Design wirkt zwar edel, aber auch doch sehr bekannt und irgendwie klinisch und etwas charakterlos. Ausgestellt war die Jeanneau in der Eigner-Variante. Dadurch wurde ihr Defizit bei nur drei Fuß weniger Länge gegenüber der ausschweifenden 675 noch deutlicher, es sprang einen förmlich an. Ein Vergleich zur sechs Fuß kürzeren 588 machte das nicht besser, eher im Gegenteil. Die Raumnutzung und das Platzangebot auf der kleineren 588 waren ungleich besser als auf dieser 64-Füßer. Dennoch ist sie natürlich trotzdem ein traumhaftes Schiff. Ich jammere hier auf hohem Niveau und möglicherweise punktet Jeanneau gegenüber Hanse mit einer nach wie vor besseren Verarbeitung, was ich aber nur vermuten kann, da auf keinem der Schiffe Zeichen für mangelnde Verarbeitung zu finden waren.Eine Garage für´s Dinghy gibt´s wie auf der Hanse 675 auch auf der Jeanneau 64.









Ein nettes Gimmick an Deck der Jeanneau waren die stylischen, klappbaren Klampen:



Nach dem Besuch dieser drei Schiffe war für uns der Auffenthalt auf der BOOT leider für dieses Jahr auch schon wieder zu Ende und wir traten die Heimreise an. Gelohnt hat es sich allemal und viel Spaß gemacht. Es war schön mal wieder viele Bekannte Gesichter auf der Messe selbst und im Pressecenter zu treffen und es kamen anregende Gespräche zustande. 

Wenn ihr an mehr Bildmaterial als in diesem Post, insbesondere zu den beiden Hansen, interessiert seid, lege ich euch den Instagram-Account von Skipper Marcus ans Herz. Er hat diese beiden und noch viele weitere Schiffe durchstöbert und dazu findet ihr im verlinkten Account auf Instagram seine Bilder. Außerdem werden auf seinem Blog zu den Schiffen, die er sich auf der Messe angeschaut hat, nach und nach Artikel und Vorstellungen erscheinen. Einen kurzen und knackigen Messe-Rückblick hat mein Namensvetter Marcus bereits veröffentlicht.

Was waren eure Eindrücke auf der diesjährigen Boot und welche Boote haben euch geflasht oder ernüchtert? 


Euer Markus

1 Kommentar:

  1. Danke Markus für die positive Erwähnung und die Fotos. Freue mich auf ein baldiges Wiedersehen!

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